Wer zum ersten Mal in einem Kloster das gemeinsame Gebet erlebt, ist oft überrascht. Da wird nicht frei formuliert, nicht spontan gesprochen, sondern es werden uralte Texte gesungen und gesprochen, immer wieder dieselben, Tag für Tag, Woche für Woche. Dieses geordnete, wiederkehrende Beten nennt man das Stundengebet oder die Tagzeitenliturgie. Benedikt gab ihm in seiner Regel einen Ehrennamen: das Werk Gottes, lateinisch Opus Dei. Und er sagte unmissverständlich, dass ihm nichts vorgezogen werden dürfe.
Warum achtmal am Tag
Benedikt teilte den Tag in feste Gebetszeiten, die sogenannten Horen. In der Nacht oder am frühen Morgen die Vigil, auch Matutin genannt, dann die Laudes zum Sonnenaufgang. Über den Tag verteilt folgen die kleinen Horen Prim, Terz, Sext und Non, am Abend die Vesper und vor der Nachtruhe die Komplet. Acht Zeiten also, die den ganzen Tag durchziehen, vom ersten Licht bis zur Dunkelheit.
Der Gedanke dahinter stammt aus den Psalmen. Siebenmal am Tag singe ich dein Lob, heisst es dort, und in der Nacht stehe ich auf, um dir zu danken. Benedikt nahm dieses Wort wörtlich und baute darauf seine Ordnung. Es geht nicht darum, möglichst viel zu beten, sondern den ganzen Tag immer wieder zu unterbrechen und sich neu auf Gott auszurichten. Die Arbeit wird unterbrochen, das Gespräch, die Mühe, und für einen Moment tritt alles zurück vor dem einen Wesentlichen.
Siebenmal am Tag singe ich dein Lob wegen deiner gerechten Entscheide. Psalm 119,164
Die Psalmen als Schule des Gebets
Das Herzstück des Stundengebets sind die Psalmen, jene 150 Gebete aus dem Alten Testament, die schon Jesus selbst gebetet hat. Über die Woche verteilt beten die Mönche den ganzen Psalter, alle 150 Psalmen, und beginnen dann wieder von vorn. Das ist eine alte und kluge Einrichtung. Denn die Psalmen kennen alle Töne des menschlichen Lebens: Jubel und Klage, Dank und Zweifel, Vertrauen und Verzweiflung.
Wer die Psalmen betet, betet nicht nur die eigenen Gefühle. An manchen Tagen passt ein Jubelpsalm nicht zur eigenen Stimmung, an anderen ein Klagepsalm nicht. Doch darin liegt ein tiefer Sinn. Der Betende leiht seine Stimme denen, die gerade jubeln oder klagen, auch wenn er selbst es nicht tut. Er betet stellvertretend, für die ganze Kirche, für die ganze Welt. Das Stundengebet ist nie nur Privatsache, es ist immer ein Beten mit und für andere.
Singen, nicht nur sprechen
Im Kloster werden die Psalmen meist nicht gesprochen, sondern gesungen, oft im schlichten gregorianischen Choral. Das hat einen Grund. Der Gesang trägt die Worte anders als das blosse Sprechen. Er verlangsamt, er sammelt, er macht aus einzelnen Stimmen einen gemeinsamen Klang. Augustinus hat gesagt, wer singt, betet doppelt. Im gemeinsamen Gesang wird das Gebet zu etwas, das grösser ist als die Summe der Einzelnen.
Dabei kommt es nicht auf künstlerische Vollendung an. Benedikt schreibt nüchtern, dass Geist und Stimme in Einklang stehen sollen. Es geht nicht um schönen Gesang um seiner selbst willen, sondern darum, dass das Herz bei dem ist, was der Mund spricht. Diese Einheit von äusserem Vollzug und innerer Aufmerksamkeit ist das eigentliche Ziel.
Der Rhythmus trägt
Was von aussen wie eine starre Pflicht aussehen mag, erweist sich von innen als tragende Kraft. Der feste Rhythmus nimmt dem Beten die Last, ständig neu motiviert sein zu müssen. Man muss nicht warten, bis man sich fromm fühlt. Die Glocke ruft, man geht, man betet, ob man gerade in Stimmung ist oder nicht. Gerade diese Verlässlichkeit ist ein Geschenk. An den dürren Tagen, an denen das Gefühl fehlt, trägt die Ordnung. Und an den guten Tagen schenkt sie Tiefe.
Dieser Gedanke verbindet das Stundengebet eng mit dem Leitwort Ora et Labora. Das Gebet ist nicht der Gegensatz zur Arbeit, sondern das, was ihr Mass und Mitte gibt. Wer mehrmals am Tag innehalt, arbeitet anders. Die Unterbrechung verhindert, dass die Arbeit zum einzigen Inhalt des Lebens wird. Sie hält wach, dass der Mensch mehr ist als das, was er leistet.
Was die einzelnen Zeiten bedeuten
Jede der Tagzeiten hat ihren eigenen Charakter, der sich aus ihrer Stunde ergibt. Die Vigil in der Nacht ist die Zeit des Wachens, wenn die Welt schläft und der Mönch stellvertretend für alle wacht und betet. Die Laudes am Morgen sind das Lob des neuen Tages, durchzogen von Psalmen, die das Licht und die Schöpfung preisen. Sie feiern den Sonnenaufgang als Bild für die Auferstehung Christi, der das wahre Licht ist.
Die kleinen Horen über den Tag, Terz, Sext und Non, sind kurz. Sie unterbrechen die Arbeit nur für wenige Minuten und erinnern daran, dass auch das geschaftige Tun seine Mitte in Gott hat. Die Vesper am Abend ist feierlicher, eine Danksagung für den vergangenen Tag, mit dem Lobgesang Mariens, dem Magnificat, als Höhepunkt. Und die Komplet schliesslich, das Nachtgebet, legt den Tag und den Schlaf in Gottes Hand, mit dem alten Gesang vom Schutz in der Nacht. Wer diesen Bogen einmal mitgegangen ist, spürt, wie der ganze Tag eine Gestalt bekommt, einen Anfang, eine Mitte, ein Ende, alles getragen vom Gebet.
Das Stundengebet ausserhalb des Klosters
Das Stundengebet ist nicht nur den Mönchen vorbehalten. Die Kirche lädt alle Gläubigen ein, daran teilzuhaben. Viele Priester und Ordensleute sind dazu verpflichtet, doch auch immer mehr Laien entdecken das Beten der Tagzeiten für sich. Es gibt Bücher und inzwischen auch Anwendungen, die dabei helfen, vor allem die Laudes am Morgen und die Vesper am Abend.
Wer damit beginnen möchte, muss nicht gleich alle acht Horen beten. Schon eine einzige feste Gebetszeit am Tag, etwa die Vesper am Abend, kann das Leben verändern. Sie setzt einen festen Punkt, an dem der Tag noch einmal vor Gott gehalten wird. Mit der Zeit entsteht daraus ein eigener Rhythmus, der trägt. Viele Klöster laden ausdrücklich dazu ein, zum Stundengebet zu kommen und einfach mitzubeten. Es ist eine der schönsten Weisen, dem benediktinischen Leben zu begegnen.
Am Ende ist das Stundengebet der Versuch, ein altes Wort ernst zu nehmen: ohne Unterlass zu beten. Nicht als ununterbrochenes Reden, sondern als ein Leben, das immer wieder zu seiner Mitte zurückkehrt. Wer mehr über die innere Haltung dieses Betens erfahren möchte, findet sie auf den Seiten zur Lectio Divina und zur Stille.