Neben dem grossen Bruder steht eine stille Schwester. Während über Benedikt ganze Bücher geschrieben wurden und seine Regel die Geschichte Europas prägte, ist von der heiligen Scholastika nur wenig überliefert. Eine einzige Episode aus ihrem Leben hat Papst Gregor der Grosse aufgezeichnet, und doch gehört diese kurze Erzählung zu den schönsten und tiefsten der ganzen benediktinischen Überlieferung. Scholastika gilt als Mutter aller Benediktinerinnen, als die weibliche Gestalt an der Wurzel dieser grossen geistlichen Familie.
Was wir über sie wissen
Die historischen Nachrichten über Scholastika sind spärlich. Sie wurde, so die Überlieferung, um das Jahr 480 in Nursia geboren, gemeinsam mit ihrem Zwillingsbruder Benedikt. Wie er weihte auch sie ihr Leben schon früh ganz Gott. Während Benedikt später nach Subiaco und dann nach Montecassino zog, lebte Scholastika in der Nähe, in einer Gemeinschaft gottgeweihter Frauen. Mehr Gesichertes lässt sich kaum sagen. Doch genau in dieser Stille liegt etwas Bezeichnendes: Scholastika drängte sich nie in den Vordergrund.
Einmal im Jahr trafen sich die Geschwister. Da Scholastika das Kloster ihres Bruders nicht betreten durfte und Benedikt seine Klausur nicht ohne Weiteres verliess, kamen sie in einem Haus ausserhalb der Mauern zusammen. Diese jährliche Begegnung war für beide kostbar. Sie verbrachten den Tag im Gespräch über Gott und die Dinge des geistlichen Lebens. Es ist diese eine, letzte Begegnung, die Gregor uns aufbewahrt hat.
Die letzte Begegnung
Bei ihrem letzten Treffen, so erzählt Gregor, bat Scholastika ihren Bruder, über Nacht zu bleiben und weiter über die Freuden des himmlischen Lebens zu sprechen. Benedikt aber lehnte ab. Die Regel verlangte, dass er zur Nacht in sein Kloster zurückkehrte, und daran wollte er festhalten. Er sagte: Schwester, was redest du da, ich kann auf keinen Fall ausserhalb der Zelle bleiben.
Da senkte Scholastika ihren Kopf auf die Hände, faltete sie auf dem Tisch und betete unter Tränen zu Gott. Und in dem Augenblick, als sie das Haupt erhob, brach ein gewaltiges Unwetter los. Blitze, Donner und ein solcher Regen, dass weder Benedikt noch seine Begleiter einen Fuss vor die Tür setzen konnten. Benedikt klagte: Gott vergebe dir, Schwester, was hast du getan? Sie antwortete schlicht: Sieh, ich habe dich gebeten, und du wolltest nicht hören. Da habe ich meinen Herrn gebeten, und er hat mich erhört.
Sie vermochte mehr, weil sie mehr liebte. Gregor der Grosse, Dialoge II
Wer mehr liebt, vermag mehr
So musste Benedikt bleiben, und die Geschwister verbrachten die ganze Nacht im geistlichen Gespräch. Gregor zieht daraus einen bemerkenswerten Schluss. Er schreibt, es sei nicht verwunderlich, dass die Frau in diesem Augenblick mehr vermochte als der Mann, denn nach dem Wort des Johannes ist Gott die Liebe, und so vermochte sie zu Recht mehr, weil sie mehr liebte.
Dieser Satz hat eine grosse Tragweite. Der strenge Benedikt, der Mann der Regel und der Ordnung, wird hier gleichsam überboten von der Liebe seiner Schwester. Nicht die Treue zum Buchstaben siegt, sondern die Kraft eines liebenden Herzens. Es ist, als wollte Gregor sagen: Die Regel ist gut und wichtig, aber über allem steht die Liebe. Wo die Liebe spricht, schweigt selbst die Vorschrift. Diese Erzählung ist deshalb kein blosses Wunder, sondern eine geistliche Lehre.
Drei Tage später
Es sollte ihre letzte Begegnung auf Erden sein. Drei Tage nach jener Nacht, so berichtet Gregor weiter, stand Benedikt in seiner Zelle und sah, wie die Seele seiner Schwester in Gestalt einer Taube zum Himmel aufstieg. Da wusste er, dass sie gestorben war. Voll Freude über ihre Aufnahme in den Himmel und zugleich voll Trauer über den Abschied dankte er Gott und liess ihren Leib in das Grab legen, das er für sich selbst vorbereitet hatte.
So ruhten die Geschwister, die im Leben durch ihre Berufung getrennt waren, im Tod nebeneinander. Das Bild der Taube, das schon in der Heiligen Schrift für den Heiligen Geist und für die reine Seele steht, wurde zum festen Erkennungszeichen der heiligen Scholastika. In der Kunst wird sie fast immer mit einer Taube dargestellt, oft auch mit dem Buch der Regel oder dem Ordensgewand.
Eine stille Grösse
Es lohnt sich, einen Moment bei der Tatsache zu verweilen, dass von Scholastika fast nichts überliefert ist und sie dennoch zu den verehrtesten Heiligen gehört. In einer Welt, die laute Auftritte und grosse Taten feiert, ist ihre Gestalt fast ein Widerspruch. Sie hat kein Werk hinterlassen, keine Schriften, keine Gründungen, von denen wir wüssten. Was bleibt, ist ein einziger Abend, eine Bitte, ein Gebet und eine Taube.
Und doch, oder gerade deshalb, ist sie zu einer Leitfigur geworden. Sie zeigt, dass die Grösse eines Menschen vor Gott nicht an Leistung und Sichtbarkeit gemessen wird. Viele Menschen leben so wie Scholastika: im Verborgenen, ohne Aufsehen, treu in ihrem kleinen Kreis. Ihre Geschichte sagt ihnen, dass dieses stille Leben kostbar ist, dass die Liebe, die niemand sieht, vor Gott alles zählt. Das ist ein zutiefst tröstlicher Gedanke, gerade für alle, die sich unbedeutend fühlen.
Mutter der Benediktinerinnen
Aus der Verehrung Scholastikas erwuchs über die Jahrhunderte eine grosse weibliche Tradition. Unzählige Frauenklöster berufen sich auf sie als ihre geistliche Mutter. So wie Benedikt am Anfang des männlichen benediktinischen Mönchtums steht, so steht Scholastika am Anfang des weiblichen. Bis heute leben weltweit viele tausend Benediktinerinnen nach derselben Regel wie ihre Brüder, im selben Rhythmus aus Gebet, Arbeit und geistlicher Lesung.
Ihr Gedenktag ist der 10. Februar, einen Tag, bevor in früheren Zeiten an anderer Stelle des Jahres ihres Bruders gedacht wurde. An diesem Tag feiern besonders die Benediktinerinnen ihre Patronin. Scholastika wird auch gegen Gewitter und für Regen angerufen, ein Nachklang jener Nacht, in der ihr Gebet den Sturm herbeirief.
Die heilige Scholastika erinnert daran, dass am Beginn der grossen benediktinischen Bewegung nicht nur ein Gesetzgeber stand, sondern auch eine Frau, deren einziges überliefertes Wort von der Macht der Liebe spricht. In einer Überlieferung, die sonst viel von Ordnung, Mass und Regel handelt, ist sie die leise Stimme, die sagt: Am Ende zählt die Liebe mehr. Wer ihrem Bruder Benedikt nachgehen will, sollte auch sie nicht vergessen. Mehr über das gemeinsame Leben der Geschwister lesen Sie auf der Seite zu seinem Leben.