Das Leitwort

Ora et Labora – Bete und arbeite

Zwei lateinische Worte, die zum Kennzeichen benediktinischen Lebens wurden. Sie fassen zusammen, wie ein Tag zwischen Gebet und Arbeit Halt findet.

Ora et labora, bete und arbeite. Kaum eine Formel ist so eng mit dem benediktinischen Leben verbunden. Dabei steht sie in dieser knappen Form gar nicht in der Regel selbst. Sie ist eine spätere Zusammenfassung dessen, was Benedikt über viele Kapitel hinweg beschreibt. Doch sie trifft den Kern genau. Manchmal wird sie erweitert zu ora et labora et lege, bete und arbeite und lies.

Kein Gegensatz, sondern ein Rhythmus

Für Benedikt waren Gebet und Arbeit keine getrennten Welten. Sein Gedanke war, dass das ganze Leben zu Gott hin geordnet sein soll, auch die Hände, nicht nur das Herz. Wer arbeitet, betet auf seine Weise mit. Und wer betet, sammelt die Kraft, die die Arbeit braucht. Der Tag pendelt zwischen beiden, ohne dass eines das andere verdrängt.

Diese Sicht war zu Benedikts Zeit alles andere als selbstverständlich. In der antiken Welt galt körperliche Arbeit oft als unwürdig, als Sache der Sklaven. Benedikt dagegen schreibt, dass die Brüder dann wahrhaft Mönche seien, wenn sie von der Arbeit ihrer Hände leben. Damit gab er der Arbeit eine geistliche Würde, die das Abendland geprägt hat.

Müssiggang ist der Feind der Seele. Deshalb sollen die Brüder zu bestimmten Zeiten mit Handarbeit, zu anderen mit geistlicher Lesung beschäftigt sein. Regula Benedicti, Kapitel 48

Die drei Säulen des Tages

Das benediktinische Leben ruht auf drei Tätigkeiten, die einander ablösen und ergänzen:

  1. Das Gebet (Ora). Achtmal täglich versammelt sich die Gemeinschaft zum Stundengebet. Es gibt dem Tag sein Gerüst. Zwischen den Gebetszeiten bleibt das Bewusstsein wach, in der Gegenwart Gottes zu stehen.
  2. Die Arbeit (Labora). Feldarbeit, Handwerk, Verwaltung, heute auch Wissenschaft, Bildung und Wirtschaft. Die Arbeit ernährt die Gemeinschaft und hält den Müssiggang fern.
  3. Die Lesung (Lege). Die Lectio divina, das betende Lesen der Heiligen Schrift, nährt die Seele. Sie ist kein blosses Studium, sondern ein Hören auf Gottes Wort.

Die Lectio divina, das betende Lesen

Das dritte Element, oft im erweiterten Leitwort lege genannt, verdient eine eigene Betrachtung. Die Lectio divina ist eine alte Form, die Heilige Schrift zu lesen. Sie unterscheidet sich vom Studium. Es geht nicht darum, möglichst viel zu erfassen, sondern einen einzelnen Satz so lange zu betrachten, bis er zu sprechen beginnt. Traditionell beschreibt man vier Schritte: das Lesen, das Nachsinnen, das Beten und das Verweilen in der Stille.

Diese Weise des Lesens verwandelt das Wort von Information in Nahrung. Benedikt wollte, dass seine Mönche täglich mehrere Stunden der geistlichen Lesung widmen, besonders in der Fastenzeit, in der jeder Bruder ein Buch erhielt, das er ganz durchlesen sollte. Auch für Menschen ausserhalb des Klosters ist die Lectio divina ein gangbarer Weg, mit der Bibel vertraut zu werden, ohne sich zu überfordern.

Wie das Leitwort entstand

Die griffige Formel ora et labora taucht in dieser Prägnanz erst in der Neuzeit auf. Im 19. Jahrhundert, als die benediktinische Bewegung nach den Wirren der Säkularisation neu erblühte, wurde sie zum Wahlspruch, der das Wesen des Ordens auf den Punkt bringt. Doch der Sache nach ist sie viel älter. Schon die mittelalterlichen Klöster lebten diesen Rhythmus, und Benedikt selbst hatte ihn in seiner Regel angelegt. Das Leitwort fasst also etwas zusammen, das von Anfang an da war.

Bemerkenswert ist, dass beide Wörter gleichrangig nebeneinander stehen. Weder wird das Gebet über die Arbeit erhoben noch umgekehrt. In diesem Gleichgewicht liegt die benediktinische Antwort auf eine Frage, die Menschen zu allen Zeiten umtreibt. Wie hält man das innere Leben und das äussere Tun zusammen, ohne dass eines das andere erstickt?

Warum das Mass entscheidend ist

Benedikt war ein Meister des Gleichgewichts. Er wollte weder fromme Faulheit noch erschoepfende Arbeitswut. Deshalb legt die Regel die Zeiten genau fest und passt sie sogar den Jahreszeiten an. Im Sommer wird früher aufgestanden, im Winter mehr gelesen. Dieses Gespür für das rechte Mass, die discretio, ist vielleicht das Modernste an Benedikt. Es schützt den Menschen davor, sich zu verlieren, in der Frömmigkeit ebenso wie in der Arbeit.

Ora et Labora heute

Das Leitwort spricht weit über die Klostermauern hinaus. Viele Menschen erleben heute, wie Arbeit grenzenlos wird und das Innere austrocknet. Benedikts Ordnung schlägt etwas anderes vor: feste Zeiten, klare Grenzen, ein Wechsel zwischen Tätigkeit und Sammlung. Wer den Tag bewusst gliedert, gewinnt nicht nur Ruhe, sondern auch Tiefe.

Man muss kein Mönch sein, um daraus zu lernen. Eine kurze Gebetszeit am Morgen, eine Pause zur Mittagsstunde, ein Moment der Lesung am Abend, schon das verwandelt einen ganzen Tag. Es ist der alte benediktinische Gedanke, dass das Leben dann gelingt, wenn es geordnet ist und auf Gott ausgerichtet bleibt.

Wie diese Ordnung im Einzelnen aussieht, beschreibt die Regula Benedicti. Welche geistliche Haltung dahintersteht, lesen Sie auf der Seite zum christlichen Glauben.

Dann sind sie wahrhaft Mönche, wenn sie von der Arbeit ihrer Hände leben.
Regula Benedicti, Kapitel 48