Betendes Lesen

Lectio Divina

Eine alte Weise, die Heilige Schrift zu lesen. Nicht um viel zu wissen, sondern um ein einziges Wort so lange zu betrachten, bis es zu sprechen beginnt.

Es gibt einen Unterschied zwischen Lesen und Lesen. Man kann eine Zeitung überfliegen, ein Fachbuch studieren, eine Nachricht schnell erfassen. Und man kann ein Wort so lesen, dass es einen selbst zu lesen beginnt. Diese zweite Weise meint die Lectio Divina, das göttliche oder betende Lesen. Sie ist eine der ältesten geistlichen Übungen der Kirche und gehört zum Kern des benediktinischen Lebens. Im erweiterten Leitwort Ora et Labora et lege ist sie das dritte Glied, das Lesen neben dem Beten und der Arbeit.

Lesen, das zur Begegnung wird

Benedikt setzt in seiner Regel feste Zeiten für die geistliche Lesung an, mehrere Stunden am Tag, in der Fastenzeit sogar noch mehr. Damals war das keineswegs selbstverständlich, denn Bücher waren kostbar und das Lesen eine Mühe. Umso bemerkenswerter ist, welches Gewicht Benedikt der Lesung gibt. Sie ist für ihn kein blosser Wissenserwerb, sondern eine Form der Begegnung mit Gott. In der Schrift, so die alte Überzeugung, spricht Gott selbst zum Menschen. Lesen heisst dann: zuhören.

Das unterscheidet die Lectio Divina vom wissenschaftlichen Studium. Der Theologe fragt, was ein Text bedeutet, in welcher Zeit er entstand, wie er zu verstehen ist. Das ist wichtig und gut. Die Lectio Divina aber fragt anders: Was sagt Gott mir durch dieses Wort, hier und heute, in meinem Leben? Beide Zugänge schliessen einander nicht aus, aber sie sind verschieden. Der eine will verstehen, der andere will hören.

Dein Wort ist meinem Fuss eine Leuchte, ein Licht für meine Pfade. Psalm 119,105

Die vier Stufen

Im Mittelalter hat man die Lectio Divina in vier Schritte gegliedert. Ein Kartäusermonch namens Guigo beschrieb sie im zwölften Jahrhundert als eine Leiter mit vier Sprossen. Diese Gliederung ist bis heute hilfreich, auch wenn die Schritte nicht starr nacheinander ablaufen, sondern ineinander übergehen.

  1. Lectio, das Lesen. Man liest einen kurzen Abschnitt der Schrift, langsam, vielleicht halblaut, und immer wieder. Es geht nicht um Menge. Oft genügen wenige Verse. Man bleibt an einem Wort hängen, das einen anspricht.
  2. Meditatio, das Nachsinnen. Man verweilt bei diesem Wort, wiederholt es innerlich, lasst es nachklingen. Was bedeutet es? Was rührt es in mir an? Man kaut das Wort gleichsam, wie die alten Mönche sagten, bis es seinen Geschmack freigibt.
  3. Oratio, das Beten. Aus dem Nachsinnen wird Gebet. Das Wort, das mich angesprochen hat, beantworte ich. Das kann Dank sein, Bitte, Klage oder einfach Stille. Hier antwortet der Mensch dem Gott, der zuerst gesprochen hat.
  4. Contemplatio, das Schauen. Am Ende steht kein Tun mehr, sondern ein Ruhen. Der Mensch verweilt in der Gegenwart Gottes, ohne viele Worte, ohne Anstrengung. Es ist der Augenblick, in dem das Reden verstummt und nur noch das Da-Sein bleibt.

Das Wort wiederkäuen

Die alten Mönche gebrauchten für die Lectio Divina ein eigenartiges Bild. Sie sprachen vom Wiederkäuen, ruminatio, wie eine Kuh, die das Gras immer wieder hochholt und neu durchkaut. Das klingt unfein, trifft aber genau. Ein Wort der Schrift wird nicht einmal gelesen und abgehakt, sondern den ganzen Tag mitgenommen, immer wieder hervorgeholt, bei der Arbeit, beim Gehen, in der Stille. So sinkt es langsam vom Kopf ins Herz.

Diese Langsamkeit ist das eigentlich Fremde an der Lectio Divina für heutige Menschen. Wir sind gewohnt, Texte zu konsumieren, schnell, viel, oberflächlich. Die Lectio Divina verlangt das Gegenteil. Sie will, dass wir bei wenigem lange bleiben. Sie ist eine Schule der Geduld und der Aufmerksamkeit, eine Übung gegen die innere Zerstreuung, die so viele Menschen heute kennen.

Ein Beispiel

Vielleicht wird es konkreter an einem Beispiel. Nehmen wir den bekannten Vers aus dem Johannesevangelium: Ich bin der gute Hirt. Im ersten Schritt, der Lectio, liest man den Satz langsam, mehrmals, vielleicht den ganzen Abschnitt darum herum. Man bleibt an dem Wort Hirt hängen, oder am Wort gut, oder am kleinen Wort ich bin.

Im Nachsinnen, der Meditatio, fragt man weiter. Was heisst es, dass Christus mein Hirt ist? Wohin führt er mich? Kenne ich seine Stimme? Wo in meinem Leben habe ich mich verirrt und wurde gesucht? Das Wort beginnt, sich mit dem eigenen Leben zu verbinden. Aus dieser Betrachtung wachst dann das Gebet, die Oratio: vielleicht ein Dank dafür, geführt zu werden, vielleicht die Bitte, seine Stimme besser zu hören, vielleicht das Eingeständnis, oft eigene Wege gegangen zu sein. Und schliesslich, in der Contemplatio, lässt man auch das Beten los und ruht einfach in dem Wissen, gekannt und geliebt zu sein. Man muss nichts mehr sagen. Man ist einfach da, beim guten Hirten.

Wie man anfängt

Die Lectio Divina braucht keine besondere Ausbildung und kein theologisches Studium. Sie braucht nur eine Bibel, etwas Zeit und die Bereitschaft, langsam zu werden. Man wählt einen kurzen Abschnitt, oft nimmt man das Evangelium des Tages oder liest fortlaufend ein biblisches Buch. Man sucht sich einen ruhigen Ort und eine feste Zeit, vielleicht am Morgen, bevor der Tag lärmt, oder am Abend, wenn er zur Ruhe kommt.

Dann liest man, langsam, und wartet, ob ein Wort sich meldet. Man muss nichts erzwingen. Manchmal bleibt alles still, und auch das ist in Ordnung. Die Lectio Divina ist kein Leistungssport. Sie ist ein Sich-Hinhalten, ein Bereitsein. Gott spricht, wann und wie er will, und unsere Aufgabe ist nur, da zu sein und zu hören.

Wer diese Übung über längere Zeit pflegt, merkt, wie sich etwas verändert. Die Schrift wird vertraut, einzelne Worte begleiten durch den Tag, und das Beten bekommt einen Boden. Die Lectio Divina ist eng verwandt mit dem Stundengebet, in dem ja vor allem die Psalmen betend gelesen werden, und sie führt fast von selbst in die Stille hinein, in der das Wort Gottes Raum gewinnt. So wird aus dem Lesen ein Weg, auf dem ein Mensch Gott naher kommt.

Der Müssiggang ist der Feind der Seele. Deshalb sollen die Brüder zu bestimmten Zeiten mit geistlicher Lesung beschäftigt sein.
Regula Benedicti, Kapitel 48