Streng genommen ist der Benediktinerorden kein Orden im modernen Sinn mit einer zentralen Leitung. Er ist vielmehr eine grosse Familie eigenständiger Klöster, die alle nach der Regula Benedicti leben. Jedes Kloster ist selbstständig, und doch verbindet sie alle dieselbe Lebensform und derselbe geistliche Vater: der heilige Benedikt.
Von Montecassino in die Welt
Alles begann mit dem Kloster, das Benedikt um 529 auf dem Montecassino gründete. Nach seinem Tod breitete sich seine Regel langsam aus. Ein wichtiger Förderer war Papst Gregor der Grosse, der Benedikts Leben aufschrieb und Mönche als Missionare aussandte. Im Jahr 596 schickte er eine Gruppe unter Augustinus nach England. So kam das benediktinische Mönchtum über Rom hinaus.
In den folgenden Jahrhunderten wurde die Regel zur vorherrschenden Klosterregel des Abendlandes. Karl der Grosse förderte sie, weil sie Ordnung und Bildung brachte. Klöster wie Cluny in Burgund wurden zu geistlichen Zentren von europäischem Rang.
Was die Klöster geleistet haben
Die Bedeutung der Benediktiner für Europa lässt sich kaum überschätzen. In einer Zeit, in der vieles zerfiel, bewahrten sie das Wissen der Antike. Mönche kopierten in ihren Schreibstuben, den Skriptorien, unzählige Handschriften. Ohne diese geduldige Arbeit wäre viel antike Literatur für immer verloren gegangen.
- Sie machten Land urbar, trockneten Sümpfe und führten neue Anbaumethoden ein.
- Sie lehrten Lesen und Schreiben und unterhielten Schulen.
- Sie bewahrten und vervielfältigten Bücher, lange bevor es den Buchdruck gab.
- Sie pflegten Kranke und nahmen Reisende und Arme auf.
- Sie förderten Musik, Architektur und Kunst.
Alle Gäste, die kommen, sollen aufgenommen werden wie Christus. Regula Benedicti, Kapitel 53
Die benediktinische Familie heute
Auch heute leben weltweit tausende Mönche und Nonnen nach der Regel Benedikts. Die meisten Männerklöster sind in der Benediktinischen Konföderation zusammengeschlossen, an deren Spitze ein Abtprimas steht, der in Rom residiert. Daneben gibt es zahlreiche Frauenklöster, die auf die heilige Scholastika, Benedikts Schwester, zurückblicken.
Aus der benediktinischen Wurzel sind im Lauf der Geschichte weitere Gemeinschaften hervorgegangen, etwa die Zisterzienser und die Trappisten, die zu einer strengeren Auslegung der Regel zurückkehren wollten. Sie alle berufen sich auf denselben geistlichen Ursprung.
Blüte, Niedergang und Reform
Die Geschichte des Ordens verlief nie geradlinig. Auf Zeiten der Blüte folgten immer wieder Phasen des Niedergangs, und auf diese neue Aufbrüche. Im 10. Jahrhundert ging von der Abtei Cluny eine grosse Reformbewegung aus, die das klösterliche Leben erneuerte und Hunderte von Klöstern unter einer gemeinsamen Leitung zusammenfasste. Cluny wurde so mächtig und wohlhabend, dass bald eine Gegenbewegung entstand.
Diese Gegenbewegung führte im 11. und 12. Jahrhundert zur Gründung der Zisterzienser, die zur ursprünglichen Schlichtheit der Regel zurückkehren wollten. Sie suchten die Abgeschiedenheit, lebten von der Arbeit ihrer Hände und verzichteten auf Prunk. Ihr bekanntester Vertreter, Bernhard von Clairvaux, prägte das geistliche Leben seiner Zeit tief. Später, im 17. Jahrhundert, entstanden aus den Zisterziensern die Trappisten, die das Schweigen und die Strenge besonders betonen.
Die Benediktiner im deutschen Sprachraum
Auch im deutschsprachigen Raum haben die Benediktiner tiefe Spuren hinterlassen. Klöster wie die Reichenau am Bodensee, St. Gallen, Fulda oder Maria Laach waren über Jahrhunderte Zentren des Glaubens, der Bildung und der Kunst. In den Schreibstuben dieser Häuser entstanden Handschriften von unschätzbarem Wert. Von Fulda aus wirkte der heilige Bonifatius, der als Apostel der Deutschen gilt und selbst der benediktinischen Tradition nahestand.
Die Säkularisation zu Beginn des 19. Jahrhunderts bedeutete für viele dieser Klöster das Ende. Doch im Lauf des 19. und 20. Jahrhunderts wurde das benediktinische Leben vielerorts wiederbelebt. Die Beuroner Kongregation etwa, gegründet 1863, brachte eine neue Blüte der Liturgie und der kirchlichen Kunst hervor und gestaltete unter anderem die heute verbreitete Benediktsmedaille.
Eine geistliche Familie, kein Befehlsstrang
Bis heute unterscheidet sich der Benediktinerorden von vielen anderen Gemeinschaften dadurch, dass er keine straffe Zentralorganisation kennt. Jedes Kloster ist selbstständig und wählt seinen eigenen Abt. Die Klöster schliessen sich zu Kongregationen zusammen, diese wiederum zur weltweiten Konföderation. Doch die Einheit beruht nicht auf Befehl, sondern auf der gemeinsamen Regel und dem gemeinsamen Geist. Diese Struktur hat sich als erstaunlich widerstandsfähig erwiesen. Sie erlaubt jedem Haus, sich an seinen Ort und seine Zeit anzupassen, ohne den gemeinsamen Kern zu verlieren.
Klosterleben in der Gegenwart
Wer heute ein benediktinisches Kloster besucht, findet den alten Rhythmus aus Gebet, Arbeit und Lesung noch immer lebendig. Die Mönche und Nonnen versehen vielfältige Arbeiten. Sie führen Gästehäuser, betreiben Landwirtschaft, stellen Produkte her, lehren oder forschen. Doch das Herzstück bleibt das gemeinsame Chorgebet, mehrmals am Tag.
Viele Menschen suchen heute solche Orte auf, um zur Ruhe zu kommen, an Exerzitien teilzunehmen oder einfach mitzubeten. Die Gastfreundschaft, die Benedikt seinen Mönchen ans Herz legte, ist bis heute eines der schönsten Kennzeichen seiner Familie. Mehr über die geistliche Haltung dahinter lesen Sie unter christlicher Glaube.